| Matjes,des Fischers fette Beute
Saisonbeginn für die Volks-Delikatesse: Die Holländer
erreichen das delikateste Aroma durch enzymatische Reifung der jungen
Heringe
"La Paloma" sang der Seemanns-Chor und "Nimm mich
mit, Kapitän". Holländische Diplomaten hoben kleine,
fette, butterzarte Heringe und ließen sie bis auf das Schwanzende
in den weitgeöffneten Mund gleiten. Mit dieser alljährlichen
Zeremonie genossen sie auf eigenwillige Art den Saison-Start und
besudelten sich im selben Moment ihre Krawatten. Nur ein kleines
Missgeschick gemessen an der Wichtigkeit des Tages.
Die Ankunft der ersten Fässer mit frischem Matjes wurde im
Konsul Peppers Europa-Center in Berlin wie ein Volksfest gefeiert.
Des Fischers fette Beute, die jungen Matjes, die nach Salz riechen
und nach Meer, sind eine Volks-Delikatesse und Anlass zum Jubeln.
Land auf, Land ab stehen Matjes-Partys an, rufen Restaurants Spezialwochen
aus. Das größte Matjes-Fest in Deutschland feiern die
Emdener Bürger mit einer Parade historischer Schiffe.
Morgen (24. Juni) bekommt die niederländische Königin
ein Fass Matjes geschenkt. Auch das hat Tradition. Zu diesem Zeitpunkt
haben die Filets der geschlechtsreifen Jungfische den optimalen
Reifepunkt erreicht.
Sinnigerweise bedeutet "Matjes", abgeleitet von Meisje,
schlicht "junge Mädchen". Der Begriff ist nicht willkürlich
gewählt, denn Matjes ist eigentlich ein Zustand, nämlich
das pubertierende Stadium des Herings vor dem Beginn seiner Fruchtbarkeitsphase,
in der sich bei den weiblichen Tieren der Rogen (Eier) und die Milch
(Samen) bei den männlichen entwickelt.
Die vielfach interpretierte Vorstellung, dass es sich beim Matjes
um einen jungfräulichen Hering handelt, ist nicht ganz korrekt.
Der Matjes kann wohl jung, muss es aber nicht sein.
Ein Fischer erklärt das bündig so: "Matjes sind
geschlechtsreife Heringe, die vor der alljährlichen Milch-
und Rogenbildung gefangen werden. In dieser Phase ist das Fleisch
reich an leichtem Eiweiß und wertvollen Vitalstoffen."
Den Winter über hat der Hering notgedrungen gefastet, weil
es kaum Futter gab. Er magerte ab. Im Laufe des Frühjahrs und
der steigenden Wassertemperaturen wird das Meer wieder grün
vor Plankton. Die ausgezehrten Winterheringe fühlen sich wie
in einer unerschöpflichen Weide; sie fressen in einer Tour
und nehmen zu; der Fettgehalt steigt von zirka vier auf etwa zwanzig
Prozent.
Nach dem Fang wird der Jungfisch gekehlt, wie man das Entfernen
der Kiemen und der Eingeweide nennt, ausgenommen den Pankreas, der
für den Reifeprozess und die Bildung des speziellen Matjes-Aromas
wichtig ist.
Auf die Zubereitung der enzymatischen Reifung verstehen sich mehr
als alle anderen die Niederländer. Hier werden die besten Produkte
nach handwerklicher Anfertigung hergestellt.
Matjes-Fans schwören auf handverarbeitete Fische. Natürlich
erwarten sie, dass der Reifeprozess nicht durch chemische Mittel,
sogenannte "naturidentische Enzyme", forciert wurde. Im
Gegensatz zu diesen Matjes-Klassikern gibt es auch maschinell bearbeitete
Matjes, erkennbar übrigens am Fehlen der Schwanzflosse, an
Flecken sowie exakt wie mit dem Lineal gezogenen Rändern.
Silbrig soll die Haut glänzen, marzipanfarben bis bräunlich
das Fleisch sein. Minderwertiger Matjes ist grau, gelbliche Töne
sind oft ein Zeichen für tranigen Geschmack.
Die Konsistenz muss weich sein (magerer Matjes ist schnittfest
wie Käse), guter Matjes ist mäßig gesalzen und niemals
in Öl eingelegt, denn fett ist er selber. Die besten Qualitäten
werden als Doppelfilet verkauft, sind also am Schwanz noch zusammengewachsen
und an den Rändern leicht ausgefranst. Das Fleisch muss cremig
und wunderzart schmecken.
Der Matjes darf weder Gräten noch Schuppen haben, auch keinerlei
rote oder sonstige Flecken. Dann schmeckt er köstlich, was
Otto von Bismarck, der Reichskanzler und Feinschmecker, schon früh
erkannt hatte: "Wäre der Hering so selten wie Kaviar,
würde man ihn als feinsten Leckerbissen gelten lassen."
Das tut man heute auch. Vom Arme-Leute-Geruch ist beim echten Matjes
sowieso keine Rede mehr. Er gilt als Delikatesse und wird preislich
entsprechend gehandelt. Wie man ihn isst, das hängt von der
persönlichen Einstellung ab, selbstverständlich auch von
der Fertigkeit des Kochs und der Kunst der Köchin.
Puristen mögen den Matjes am liebsten naturell, frisch und
möglichst vom Kutter direkt mit der Hand in den Mund. Als Begleitung
lassen sie nur Brot und Zwiebelringe gelten, allenfalls können
sie sich noch für die konventionelle Kombination von Matjesfilets
mit grünen Bohnen, neuen Kartoffeln und eventuell einer Specksauce
begeistern.
Solche bodenständigen Rezepturen haben ihren Reiz. Aber es
wäre töricht, sich anderen Zubereitungsarten zu verschließen.
Rustikalen Charme hat dieser Brotaufstrich von der Ostsee: Matjesfilets
mit einem scharfen Messer würfeln. Hartgekochte Eier und Zwiebeln
ebenfalls in Würfel schneiden. Alles zusammen mit Estragonsenf,
Quark und Kapern verrühren, in eine Schüssel geben und
mit halbierten Wachteleiern garnieren.
Köstlich schmeckt auch das "Kutterbrot": Pro Person
wird eine Scheibe Bauernbrot mit Rührei (von zwei Eiern) belegt.
Darauf plaziert man zwei bis drei Matjesfilets nebst Krabben, Zwiebelringen
und frisch gehackter Petersilie. Bekömmlich ist ein Rohkostsalat
aus Matjesfilets mit Karotten, Gurken, Frühlingszwiebeln, Äpfeln
und Chicorée, alles gewürfelt, gekräutert und in
einer leichten Joghurtsauce angerichtet.
Das Lieblingsrezept der beiden Meisterköche auf Sylt, Jörg
Müller und Johannes King, ist deckungsgleich ein Matjestatar:
Filets, Äpfel, frische Gurken, Radieschen und Frühlingszwiebel
in kleine Würfel schneiden. Mit etwas Estragonessig und wenig
Olivenöl abschmecken. Schnittlauch dazugeben und das Gemenge
auf gebuttertem Vollkornbrot anrichten. Dazu passt - wie zu anderen
Matjes-Variationen - entweder ein frisch gezapftes Bier oder trockener
Weißwein der herzhaften Art à la Sauvignon Blanc, Gutedel,
Silvaner, Weißburgunder, Grüner Veltliner oder Chablis.
Gegen Champagner ist überhaupt nichts einzuwenden, und "Schnapsiges"
gehört beim Matjes gleichfalls zum guten Ton.
Pastoren erinnern gerne, dass Christentum und Fisch in enger Beziehung
zueinander stehen. Die Jünger Petri (Petri Heil!) und Jacobus
waren Fischer, die Jesus zu "Menschenfischern" gemacht
hat. In Katakomben, in denen sich Christen während der Verfolgung
versteckten, wurden Zeichnungen von Fischen, dem Symbol der Christenheit,
gefunden.
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